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Die Zinsen sind im Keller, Anleihemärkte stehen kopf. Investoren kaufen Anleihen, obwohl sie dafür negative Renditen erhalten – und das selbst bei langen Laufzeiten. Seit kurzem gibt es in Deutschland erstmals eine 30-jährige Anleihe mit einem Kupon von null Prozent. Angst vor neuen Negativzins-Rekorden? Wer im aktuellen Umfeld von Negativzinsen gewinnt und verliert.

Sparer mit Inflationssorgen

Die Negativzinsen der Bundesanleihen drücken auch den Zins auf Spareinlagen. Für eine Festgeldanlage von 10.000 Euro über zehn Jahre bekommen Anleger etwa nur noch Zinsen zwischen 0,1 und 1,25 Prozent (FMH-Finanzberatung). Damit bleiben dem gewöhnlichen Sparer im Fixzinsbereich kaum mehr Möglichkeiten sein Geld gewinnbringend anzulegen. Die aktuelle nach Inflation frisst den Sparertrag.

Lebensversicherer und ihre Kunden ohne Rendite

Die seit Jahren anhaltende Niedrigzinsphase und die jetzt drohende Negativzinsphase führt auch bei den Lebensversicherungen zu einem weiteren ungebremst Renditeschwund. Immer mehr Lebensversicherer in Deutschland haben Probleme, ihre garantierten Renditen für Sparer einzuhalten. Und selbst wenn der Anteil von neuen Policen ohne Garantiezins rasant steigt, müssen die Versicherer nach wie vor die hohen Lasten aus Altverträgen schultern. Einseitige Kündigungsdrohungen zeigen bislang wenig Erfolg.

Pensionskassen mit Leistungsschwund

Auch viele Pensionskassen haben massig alte Verträge mit hohen Garantiezinsen im Portfolio. Der Zwang schlecht verzinste Anleihen zu kaufen, steigt hier stetig. Leidtragende sind die Bezieher von Betriebsrenten. Ihnen entgehen höhere Renditen, wie sie beispielsweise etwa Aktienmarkt zu erwirtschaften waren und sind. Im schlimmsten Fall drohen künftig sogar Leistungskürzungen beim einstigen Erfolgsmodell Betriebsrente.

Unternehmen in der Rentenfalle

Leidtragende negativer Zinsen sind aber auch die Unternehmen selbst, die Betriebsrenten zahlen. Die 30 Dax-Konzerne mussten 2018 Verluste von fast 4,5 Milliarden Euro bei ihren Pensionsvermögen hinnehmen. Die Rendite war mit minus 1,7 Prozent negativ. Für ihre Pensionsverpflichtungen müssen die Schwergewichte der deutschen Wirtschaft somit immer höhere Kapitalsummen beiseitelegen. Die unangenehme Folge: Hohe Rückstellungen zehren am Gewinn und schmälern die Investitionskraft – eher düstere Aussichten für die Zukunft.‘

Gleichzeitig aber gilt: Für Unternehmen können niedrige Zinsen ein Anreiz sein, mehr Kredite aufzunehmen und ihre Investitionen zu steigern. Zugleich ist die Nachfrage nach Unternehmensbonds hoch – denn Anleger sind auf der Suche nach Papieren mit positiver Rendite. Unternehmen werden diese Situation wohl nutzen und künftig verstärkt Anleihen am Markt emittieren.

Banken auf Ertragssuche

Die anhaltend niedrigen Zinsen sorgen seit längerem dafür, dass auch die Erträge der Banken immer geringer ausfallen. Durchaus brisant: Denn der Zinsüberschuss, also die Differenz von Zinsertrag und Zinsaufwendungen, macht – noch immer – einen Großteil der realen Bankerträge aus. Negativzinsen und Zusatzgebühren auf Konten kommen gerade bei deutschen Kunden bekanntlich nicht gut an. Für Banken wird dies zusehends zum Ertragsdilemma und erfordert langfristig neue Strategien jenseits von puren Sparmaßnahmen.

Achtung Rezessions-Gefahr
Laut aktueller Umfrage des Münchner Ifo-Instituts fiel der Geschäftsklima-Index im August auf den niedrigsten Wert seit November 2012. Die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft ist damit so schlecht wie seit fast sieben Jahren nicht. So langsam muss sich auch Deutschland auf eine Rezession einstellen.

Aktionäre weiterhin in Feierlaune

Zu den Gewinnern der Niedrigzinsen und sogar möglicher Negativzinsen zählen die Aktionäre. Bester Beweis hierfür ist der anhaltende Boom an den Aktienmärkten seit der Finanzkrise 2008. Anleger und ambitionierte Sparer, die hier frühzeitig dabei waren, konnten in den vergangenen Jahren hohe Kursgewinne einfahren. Der Index DAX beispielsweise konnte binnen zehn Jahren rund 140 Prozent hinzugewinnen – bei überschaubaren Risiken. Ein Investment von 100.000 Euro im Depot ist somit heute durchschnittlich 240.000 Euro wert. In anderen Indices sind die Renditen teils noch deutlich höher.

Immobilienbesitzer bleiben gelassen

Von der Anleger-Flucht in riskante Anlagen profitieren seit Jahren auch die Immobilienpreise und somit die Immobilienbesitzer. Wer eine Immobilie kaufen will, muss zwar seit Jahren mit rasant steigenden Preisen kämpfen. Dafür sind Immobilienfinanzierung günstig wie nie: Durchschnittlich kosten Baufinanzierungen über zehn Jahre aktuell weniger als ein Prozent Zinsen (FMH Hypotheken-Index). Und trotz einem wahren Run auf Baugeld bleibt eine Überhitzung am Markt bislang aus.

Vater Staat mit breitem Grinsen

Und der deutsche Staat? Er ist wohl der größte Gewinner beim Phänomen Negativzinsen. Denn so paradox dies klingt: Eine negative Bund-Rendite bedeutet ja nichts anderes, als dass der Staat Geld fürs Schuldenmachen bezahlt bekommt und sich somit hohe Zinskosten spart. Indirekt profitiert zwar auch der deutsche Steuerzahler davon. Ob die niedrigen respektive negativen Zinsen Anreiz fürs dringend notwendige Sparen im Bundeshaushalt sein werden, bleibt abzuwarten.

Negative Zinsen als neue Herausforderung
Negativzinsen wurden und werden vielfach einfach ignoriert. Lange Zeit galt das Konzept negativer Zinsen insbesondere bei US-Ökonomen als absonderlich. In vielen Volkswirtschaftsseminaren bis in die 1970er Jahre waren sie nicht einmal eine Erwähnung wert. Erstmals trat das Phänomen Negativzins in der Schweiz in Erscheinung – als Ende Juni 1972 eine „Kommission Negativzins“ von zwei Prozent je Quartal auf die seitdem zugeflossenen Bankguthaben bei Schweizer Banken gemäß Verordnung über die Bewilligungspflicht für die Aufnahme von Geldern im Ausland vom 5. Juli 1972 eingeführt wurde. Der Negativzins sollte den Zufluss von Hot money in die Schweiz verhindern. Die Verordnung bestand mit kurzen Unterbrechungen bis November 1979. Und heute? Sparer, Banken und Investoren werden das Phänomen Negativzinsen mit Argusaugen verfolgen.

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