Ferrari 360 Spider

Schon ein gewöhnlicher Ferrari 360 Modena weckt echte Traumwagengefühle. Die ultimative Steigerung hört aber auf den Namen Spider. Der Renner aus Maranello zieht auf Knopfdruck die Mütze und lässt die Sonne mitten in dein Herz.

Erstes Spektakel – Striptease in 20 Sekunden

Es gibt Träume, die solltest du dir erfüllen. Und es gibt Dinge im Leben, die sich scheinbar nicht überbieten lassen. Bis es dann eben doch passiert. Dann verblasst der erste Kuss angesichts einer leidenschaftlichen Nacht, löscht der Traumpartner die Erinnerung an die Sandkastenliebe. Wie der Ferrari 360 Spider, der seinen Blechdach-Bruder namens Modena – sorry – plötzlich ins Abseits stellt.

Schon das Vorspiel macht dir klar, wo die Vorzüge des oben ohne 360-er gegenüber seinem verschlossenen Zwillingsbruder liegen. Einen perfekten Alu-Körper und Temperament im Überfluss bringen beide mit. Doch nur der Spider beherrscht diesen verführerischen Trick mit dem knappen Stück Stoff.

Atemberaubende 20 Sekunden dauert die Striptease-Show, von der du einfach nicht genug kriegst. Ein kleiner Schalter in der Mittelkonsole versenkt den Bikini-großen Stofffetzen unter einem festen Deckel hinter den Sitzen – vollautomatisch, geschmeidig, ganz ohne unwürdige Handarbeit.

Der 360 Spider glänzt natürlich auch mit inneren Werten. Erstaunlich großzügige Platzverhältnisse, aufgeräumter Innenraum mit reichlich Leder und Alu, sogar eine alltagstaugliche Federung – was von außen niemand vermuten würde, der Ferrari macht sogar ein wenig auf Familienflitzer. Jedenfalls bis das solide Verdeck mit der Plastikscheibe hinter deinem Fahrersitz Platz genommen hat und du das erste Mal richtig aufs Aluminium-Gaspedal trittst.

3,6-Liter-V8-Symphony unter feiner Glaskuppel

Denn dann beginnt die wirklich heiße Sommerliebe – selbst wenn du im kalten Frühjahrsmorgen in Norditalien fährst. Dass die Frisur ab Tempo 200 trotz aufsteckbaren Mini-Windschotts etwas leidet und bei Vollgas mit 290 km/h auch kein Drei-Wetter-Taft nichts mehr rettet, liegt in der Natur dieser Rennsemmel aus dem nahen Maranello. Und kommst du damit nicht klar, sitzt du eindeutig im falschen Auto. Basta. Jeder andere erliegt dem stürmischen Herzensbrecher rest- und rettungslos, ist aber glücklich dabei – seliges breites Dauergrinsen inklusive. Dafür sorgt neben der optischen Qualität des Machos aus Maranello vor allem sein Fahrerlebnis – belissimo.

Der Grund für dieses emotionale Feuerwerk liegt natürlich direkt hinter deinem Fahrer, mit hochrotem Kopf und majestätisch aufgebahrt unter Glas. Ein 3,6-Liter-V8 mit vier oben liegenden Nockenwellen, 40 Ventilen und willigen 400 Pferdchen. Wenn du diesen Kraftprotz per simpler Schlüsseldrehung wachküsst, überlässt du Schneewittchen anschließend gerne den lieben sieben Zwerglein.

Mit etwas heiserem Husten meldet sich der Alu-Athlet zum Dienst, sorgt sofort für gepflegte Gänsehaut im Cockpit und lässt deine Alltagssorgen im Zeitraffer verfliegen. Und einmal kurz nicht aufgepasst (4,6 Sekunden), schon fliegst du mit dem Spider bei Tempo 100 über die Landstraße. In den lächerlichen 20 Sekunden, die das Verdeck von null auf Sonne braucht, zeigt die kleine Tachonadel fast 230 km/h. Was nur ein müdes Zwischenlächeln erzeugt, denn sein Spitzentempo von 290 km/h erreicht der smarte italienische Muskelmann mit seinem Achtzylinder so spontan, als sei dein rechter Fuß direkt mit den Drosselklappen verbunden. Ein kurzes Zucken reicht, um brutalen Vortrieb und gigantischen Sound zu entfachen. Leistungslücke? Gibt es nicht. Schließlich sitzt du in einem Ferrari. Solche Fahrtempi traust du dir aber selbst hier nur bei freier Autobahn zu – denn zeigt die Tachonadel 310 km/h, erlebst du auch im 360 Spider das Fahren mehr als Fliegen.

Brutaler Vortrieb, brachialer Sound

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Schon aus mittleren Drehzahlen zieht der Fünfventiler los wie eine Horde Kampfstiere angesichts eines roten Tuches. Der Grund liegt in 373 Nm Drehmoment, die zwischen 4750 und 7000 Touren immer vollständig zur Verfügung stehen. Echte Genießer kosten diese furiose Vorstellung bis über 8000 Umdrehungen aus – und zwar am liebsten im Tunnel. Dann verdichtet sich das mechanische Brüllen des Trieb-Werkes zu einem explosiven Kreischen, wird das Ohr automatisch zur erogenen Zone erklärt.

Auch sonst lässt der offene Ferrari keinen unserer Sinne unberührt. Nur lächerliche 70 Kilo schwerer als die Berlinetta und mit einer fast ebenso perfekten Gewichtsverteilung von 42:58 Prozent gesegnet, schafft der Spider ganz lässig Kurvengeschwindigkeiten weit oberhalb der allgemeinen Angstgrenze.

Die Haftungsfrage regeln dabei die Traktionskontrolle (erlaubt im Sportmodus etwas, ganz ausgeschaltet reichlich Querverkehr), ein Hinterachsdifferenzial mit 25 bis 45 Prozent Sperrwirkung, aerodynamische Feinarbeit à la Formel 1 (Abtrieb bei 290 km/h vorn 75, hinten 95  Kilo) sowie 18-Zoll-Mischbereifung von Format (vorn 215/45, hinten 275/40). Wobei die gewaltigen Walzen im Verbund mit ABS und innen belüfteten 330-Millimeter-Scheiben auch negative Beschleunigung der Extraklasse garantieren.

Auch beim Preis wird es spannend

Eine Klasse für sich ist natürlich auch der Preis, klar: Ab 145.000 Euro kostete einst der 360 Spider, mit F1-Schaltung samt Wippen hinterm Lenkrad, Carbo-Bremsen und Co. konnte man den sympathischen Flitzer natürlich auch schnell an die 200.000-Marke treiben. Doch dafür gehört ein Ferrari 360 Spider F1 auch zu den Dingen im Leben, die man sich nur einmal leistet und vermutlich nie wieder hergibt. Wenn doch, bringt das die Geldbörse aber auch nicht wirklich um. Zwar werden gebrachte Exemplare heute in Dubai und anderswo bereits für rund 70.000 Euro gehandelt. In Italien und Deutschland müssen für ein einwandfrei gewartetes Exemplar – und nur das sollte man sich in die Garage stellen – dagegen selbst nach vielen Jahren noch rund 100.000 Euro auf dem Sparkonto bereitliegen – plus Vorrat für Wartung und Unterhalt. Denn: Auch wenn kaum einer seinen F 360 täglich bewegt, Ferrari-Händler sind keine zarten Zeitgenossen in punkto Rechnungspreise.

Der 360 hat eine lange Geschichte

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Selbst wenn der 360 noch zu den neueren Rennern aus Maranello zählt, hat er seine eigene Geschichte. Nach dem 365 GTS von 1969 legte Ferrari bei den zweisitzigen Cabrios mit voll versenkbarem Dach eine längere Pause ein. Wer offen fahren wollte, fand nur Targa-Modelle oder den viersitzigen Mondial im Ferrari Programm.

Erst 1993 präsentierten die Italiener den 348 Spider mit 3,4-Liter-V8. Die Leistung stieg von anfangs 300 auf 320 PS, die Höchstgeschwindigkeit lag bei 275 km/h. Zwei Jahre später baute die Sportwagenschmiede den 355 Spider. Sein 3,5-Liter-V8 leistete 380 PS und erreichte 295 km/h.

Auch in Hinblick auf die Sicherheitstechnik markierte der 355 Spider einen wichtigen Schritt. Als erster Ferrari verfügte er über zwei Airbags, war insgesamt luxuriöser als sein Vorgänger und besaß ein E-Verdeck. Der Nachteil: Beim Öffnen fuhr der Sitz automatisch nach vorn und verkeilte große Fahrer unterm Lenkrad. Auf den Daytona Spyder (oben ein 365 GTS/4) folgten erst 1993 der 348 (Mitte) und 1995 der 355 Spider

Technische Daten und Ausstattung

Achtzylinder-V-Motor längs vor der Hinterachse • zwei oben liegende Nockenwellen pro Zylinderreihe • fünf Ventile pro Zylinder • Hubraum 3586 cm3 • Verdichtung 11,0:1 • Leistung 294 kw(400 PS) bei 8500/min • maximales Drehmoment 373 Nm bei 4750/min • automatisiertes Sechsganggetriebe • Heckantrieb • Sperrdifferenzial (45 %) • vorn und hinten Einzelradaufhängung, Doppelquerlenker • innen belüftete Scheibenbremsen vorn und hinten • ABS /ASR • Reifen vorn 215/45, hinten 275/40 ZR 18 • Räder vorn 7,5J x 18, hinten 10J x 18 • Kofferraumvolumen 220 l • Tankinhalt 95 l • L/B/H 4477/1922/1214 mm • Radstand 2600 mm • Leergewicht 1390 kg • Höchstgeschwindigkeit 290 km/h • 0-100 km/h in 4,6 s (Werksangaben) • Preis 145.100 Euro

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