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5 Billionen Dollar hat das Brexit-Gespenst am Tag eins bereits weltweit an Kapital vernichtet. Welche Folgen hat der Austritt Großbritannens aus der EU für Anleger und Sparer? Ein kleiner Ausblick für uns alle …

Brexit und die Zinsen

Die Europäische Zentralbank zeigte am Tag nach der Brexit-Wahl natürlich ihre Handlungsbereitschaft. Man sei bereit, „falls nötig, den Märkten zusätzliche Liquidität in Euro und anderen Währungen bereitzustellen“, teilte die Notenbank mit. Auch der britische Notenbankenchef Mark Carney erklärte, die Bank of England sei bereit, mehr als 250 Milliarden Pfund bereitzustellen, um die Funktionsfähigkeit der Märkte aufrechtzuerhalten. Dabei werde man auf die üblichen Instrumente zurückgreifen.

Vor dem Hintergrund dieser Aussagen geht JPMorgan-Experte David Mackie davon aus, dass „die EZB den Leitzins weiter senken und das Anleihekaufprogramm noch stärker ausweiten wird“. Will die EZB also ihr Inflationsziel erreichen und die Wirtschaft ankurbeln, wird ihr wohl kaum etwas übrig bleiben, als das Zins-Niveau weiter niedrig zu halten, den Leitzins vielleicht sogar noch weiter zu senken. Der Brexit zementiert somit kurz- bis mittelfristig das für den Aktienmarkt grundsätzlich positive Niedrigzinsumfeld.

Sparer werden leiden

Das bedeutet für die Geldanlage, dass mit Abwarten sowie herkömmlichen Spar- und Vorsorgeangeboten kaum Rendite zu erzielen ist oder langfristig sogar Vermögen verloren wird. „Entziehen können Sparer sich solchen Entwicklungen letztlich nur, indem sie sich am Kapitalmarkt engagieren und konsequent in Aktien und Anleihen investieren“, empfiehlt Philipp Dobbert, Chefvolkswirt der Berliner Quirin Bank.

Für Immobilien-Käufer bedeutet dies, dass die Zinsen auch hier auf absehbare Zeit niedrig bleiben werden.

Zumal der Brexit auch die US-Notenbank Fed weiter davon abhalten wird, den Leitzins weiter anzuheben. Die Fed hatte im Juni den Leitzins nicht angetastet und ihr Stillhalten vor allem mit dem Brexit-Referendum begründet. Die Folgen eines britischen EU-Austritts könnten auch die US-Wirtschaft treffen, hieß es von der Notenbank. Die Währungshüter hatten Mitte Juni dennoch signalisiert, dass sie 2016 noch zwei Zinsschritte nach oben wagen wollen. Das dürfte jetzt vom Tisch sein.

Brexit und die Aktien

Für den Aktienmarkt zieht das überraschende Abstimmungsergebnis zunächst ein erhebliches Unbehagen nach sich: Innerhalb der nun folgenden zweijährigen Austrittsfrist sind zähe Verhandlungen zwischen den Briten und den EU-Insitutionen zu erwarten. Dieser Faktor ist nicht dazu angetan, die Märkte zu erfreuen. Auch der befürchtete „Domino-Effekt“, dass nun politische Kräfte auch in anderen EU-Staaten verstärkt eine Loslösung von der Gemeinschaft betreiben, kann den Aktienmarkt immer wieder belasten.

Für die Einzelunternehmen laufen diese Unsicherheiten vor allem auf die Frage hinaus, wie sich die Handelsbedingungen zwischen der EU und Großbritannien verändern werden. Doch auch wenn die Verhandlungen kompliziert werden, streben beide Parteien sicherlich ein vom Freihandelsgedanken geprägtes Modell an. Insgesamt bleiben die zu erwartenden Folgen für deutsche Unternehmen also überschaubar.

Bundes – und Staatsanleihen

In Deutschland fiel die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen auf ein Rekordtief von minus 0,17 Prozent. Eine Rendite unter Null bedeutet, dass sich der Staat Geld leihen kann, ohne dafür Zinsen zahlen zu müssen. Im Gegenteil: Er bekommt von seinen Gläubigern dafür sogar eine Art Gebühr bezahlt. Bereits vergangene Woche war die Rendite der wichtigsten Bundesanleihe ins Minus gerutscht, am Freitag ging es weiter abwärts.

Gefragt sind in Europa derzeit Staatsanleihen der Schweiz, Frankreichs und der Niederlande. Dagegen verabschiedeten sich Anleger aus südeuropäischen Staatspapieren. Die Kurse griechischer, portugiesischer, italienischer und spanischer Anleihen zeigten nach unten. Hier spiegelt sich die Angst wider, dass diese sowieso schon schwachen Volkswirtschaften durch den Brexit noch tiefer in die Krise geraten könnten.

Aktuelle Brexit Stimmen

Clemens Fuest, Ifo-Präsident

„Die Entscheidung der britischen Wähler für den Brexit ist eine Niederlage der Vernunft. Die Politik muss jetzt alles tun, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen. Dazu gehört es, sicherzustellen, dass Großbritannien so weit wie möglich in den Binnenmarkt integriert bleibt. Es ist wichtig, die Verhandlungen darüber möglichst schnell zum Abschluss zu bringen, damit die Phase der Unsicherheit über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen möglichst kurz bleibt.“

John Cryan, Chef der Deutschen Bank

„Das ist kein guter Tag für Europa. Die Konsequenzen lassen sich noch nicht vollständig absehen. Sie werden aber für alle Seiten negativ sein. Sicherlich sind wir als Bank mit Sitz in Deutschland und einem starken Geschäft in Großbritannien gut darauf vorbereitet, die Folgen des Austritts zu mildern. Lassen Sie mich als Brite und Europäer aber noch eines hinzufügen: Ich bin ein überzeugter Anhänger der europäischen Idee. Diese hat uns mehr als 50 Jahre Frieden und Wohlstand gebracht. Deshalb schmerzt es mich, dass Europa für viele meiner Landsleute offenbar an Attraktivität verloren hat. Das ist ein klares Signal an die Europäische Union, wieder näher an die Menschen zu rücken und die Demokratie zu stärken.“

ZEW-Chef Achim Wambach

„Großbritannien wird jetzt in langwierige Verhandlungen mit der EU eintreten, um sich die Vorteile einer Freihandelszone zu bewahren. Es ist zu erwarten, dass die Brexit-Entscheidung den euroskeptischen Kräften in anderen EU-Ländern Auftrieb geben wird. Die EU muss deshalb reagieren. Erforderlich ist eine stärkere Konzentration der EU-Kommission auf ihre Aufgabe als Hüterin der Verträge. Kompetenzen sollten zum Teil wieder in die nationalen Parlamente zurückverlagert werden. Wir werden ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten sehen.“

 

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